Redebeitrag von Morgenland Inc. bei der Gedenkkundgebung
für die Opfer der Anschläge von Istanbul
in Berlin-Kreuzberg 21. November 2003warum dieser Redebeitrag nicht gehalten wurde: Assimili-Ali's
Wir gedenken der durch die Anschläge in Istanbul ermordeten Menschen.
Eine Kundgebung ist nicht genug, nichts ist ausreichend, um unsere Abscheu und unsere Wut über den weltweiten antisemitischen Terror zu demonstrieren.
Anderswo wird ausdauernd und massenhaft demonstriert – gegen Globalisierung, gegen Bush, gegen Sparmassnahmen, und insbesondere gegen Israel – und in ganz Europa haben viele der an solchen Kollektiven sich Beteiligenden nur eiskalte Kommentare oder ein Schulterzucken übrig für die Opfer der weltweiten antisemitischen Anschläge. Nicht wenige begrüssen diesen Terror im Grunde. Zu begründen, zu rechtfertigen versuchen ihn die meisten, und mit ungerührter Miene werden die Opfer ein zweites Mal ermordet, indem die Angegriffenen zu Aggressoren und Schuldigen erklärt werden.
Die heutige Initiative ist einerseits mehr als überfällig, andererseits müssen wir fragen, warum sie erst jetzt kommt. Der Normalzustand der antisemitischen Hetze durch das deutsche Kollektiv ist nach der Wiedervereinigung für nur wenige MigrantInnen ein Thema gewesen. Im Aufruf heisst es, „Es ist ein Skandal, dass Menschen, die sich als Juden zu erkennen geben, in Kreuzberg oder Neukölln Angst haben müssen“. Heisst das, demnach ist es kein Skandal, wenn wie allerorten in diesem Land, Juden in Treptow sich bedroht fühlen müssen? Wir sagen, dass es unerträglich ist, dass inzwischen auch dort, wo MigrantInnen leben kaum Unterstützung für und Solidarität mit Juden existiert! Denn wenn nicht dort, wo denn sonst in diesem Land? Es ist für uns unabdingbar, zumindest in den Orten, in denen wir leben dafür zu sorgen, dass Antisemiten, egal was für welche, keinen Fuss auf den Boden kriegen! Der Satz im Aufruf geht davon aus, dass die Deutschen – so wie sie sich ja auch ans Ausland empfehlen – eben gerade durch ihre angebliche sogenannte Auseinandersetzung mit dem millionenfachen Mord an Menschen, mit Auschwitz, das sie verbrochen haben, geläutert seien. Dass das Gegenteil der Fall ist, hören und sehen wir jeden Tag.
Deshalb wollen wir hier zum einen ein paar grundsätzliche Fragen aufwerfen und zum anderen klarstellen, dass und warum wir nicht einstimmen werden in eine Übernahme der antiislamischen Hetze selbst von MigrantInnen.
„MigrantInnen“ werden offensichtlich auf einer Seite verortet, Juden auf einer anderen. Das ist uns alles zu einfach: als gäbe es keine jüdischen MigrantInnen nur zum Beispiel. Wer versteht sich als „MigrantIn?“ Und die sogenannten „MigrantInnen-Communities?“ Die bestehen bekanntermassen aus einzelnen Menschen, die mehr oder weniger gemeinsam haben (bis auf eines: der Hass der Deutschen auf alles ‚Andere‘), die mehr oder weniger sich „verdeutschen“, und die antisemitisch sind oder eben nicht. Das einzige durch und durch antisemitisch geprägte Kollektiv, dem wir uns hier gegenüber sehen, ist das sich deutsch nennende.
Gerade in der Türkei nun das antisemitische Kollektiv ausgemacht zu haben, passt zu den derzeitigen deutschen Tendenzen der Selbstentlastung. Dabei muss man sich nur die Entwicklung in ganz Europa und insbesondere hierzulande ansehen, im Zuge derer ausschliesslich Israel (selbst wenn von den USA die Rede ist!) und „die Juden“ für alles nur erdenkliche Übel in der Welt verantwortlich gemacht werden. Diesen Konsens gab und gibt es so in der Türkei nicht – wenn wir einmal z.B. von den antisemitischen Verschwörungtheorien in der Linken absehen. Und deshalb gehen wir auch davon aus, dass das einer der Gründe ist, weswegen die Anschläge in der Türkei ausgeführt wurden - antisemitischer Terror, der auch diejenigen treffen soll, die sich noch nicht in den europaweiten Tenor eingereiht haben.
Vor sechs Jahren mussten wir bei einer Veranstaltung noch die notwendige Auseinandersetzung und Bekämpfung von Antisemitismus unter MigrantInnen auf die Tagesordnung setzen. Anstatt dass jedoch sich noch mehr MigrantInnen mit dem Fortwirken von Auschwitz in diesem Land auseinandergesetzt hätten, ist folgendes passiert: Auch unter MigrantInnen nimmt Antisemitismus zu. Und unter links-deutsch-antiDeutschen gehört es mittlerweile zum Standard, „MigrantInnen“ mit „Antisemiten“ gleichzusetzen. Diese Entlastung der Deutschen wird auch von MigrantInnen z.T. mitgetragen.
Wir halten es für unerlässlich, und eigentlich für eine Selbstverständlichkeit, dass MigrantInnen sich hier klar und deutlich auf die Seite der angegriffenen Jüdinnen und Juden stellen. Andererseits jedoch haben wir nicht den unsinnigen Anspruch, oder gar die Illusion, dass nur aufgrund eigener Erfahrung des alltäglichen rassistischen Terrors in Deutschland die so zu „Anderen“ erklärten sich wie selbstverständlich mit den angegriffenen solidarisieren würden.
Wir können nichts damit anfangen, wenn sich – je nach Herkunft der vom völkischen Mob angegriffenen – sich jeweils sozusagen die „eigene ethnische Gruppe“ zuständig fühlt.
Es geht um etwas weit grundsätzlicheres: um den Schmerz darüber, was anderen angetan wurde, den Schmerz und die Scham, dass wir Zeugen dessen werden, dass wir es nicht verhindern können. Ganz gleich wer die Mörder sind, geht es, wie Giorgio Agamben schreibt, um eine Scham, die in unserer „Unmöglichkeit begründet [ist], uns zu distanzieren.“ Es ist die Scham und der Schmerz, angesichts von Ausgrenzung und Morden ein Mensch zu sein – jedoch ist es auch dieser Schmerz, der uns dazu bringt, immer wieder das Unerträgliche anzugreifen, wo wir nur können.
morgenland inc. · 21.11.2003
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