...diesmal in Istanbul

In Istanbul wurden am 15.11.2003 zwei Bombenanschläge gegen zwei Synagogen verübt“ sagen die Nachrichten. Bei dem Anschlag auf der Hauptsynagoge am Galata starben 25 Menschen. Über 300 wurden verletzt, zum Teil schwer. „Es könnte schlimmer sein“ sagen die Nachrichten. Grund: Zu diesem Zeitpunkt befanden sich 300-400 Besucher in der Synagoge! Gestern neue Anschläge: Diesmal 27 Menschen (Tendenz steigend), über 450 Verletzte. Ja, es kann schlimmer sein. „Keine Deutschen unter den Opfer“ sagen in Deutschland die Nachrichten. Aufatmen. Nur Juden. Und Muslime. Höchstens die obligatorische Verständnisfrage taucht ab und zu auf: „warum Muslime?“.
Der Populärsoziologe Ulrich Beck feiert die Anschläge als „Globalisierung der Emotionen“ und versäumt es nicht die Heimatfront zur Bereitschaft aufzurufen: „Auch in Deutschland wird der immer labile historische Kompromiss des friedlichen, um Versöhnung ringenden Zusammenlebens von Juden und Nicht-Juden nun durch die Globalisierung der Emotionen unterspült, die durch die transnationale Verinnerlichung des israelisch-palästinensischen Konflikts ausgelöst wird.“.

Wir können nicht mehr davor warnen, Verständnis bei der Ermordung von Juden aufzubringen. Denn es ist längst da. Etablierter Gestank in den Massenmedien, in den Kommentaren, literarisch verarbeitet und theoretisch untermauert durch die intellektuellen, die linken, die liberalen Avantgarden. Formierte (klerikalfaschistische) und unformierte (europäische Mordkollektive, Zivilgesellschaften genannt) haben bereits Stellung bezogen.

Die Anschläge haben auf die Ermordung von Juden gezielt und auf die Bestraffung derjenigen, die nicht nur keine Juden angreifen, sondern gemeinsam mit ihrer Regierung eine nicht-antisemitische Haltung einnehmen (sogar mit Israel kooperieren!). Die Ermordung von muslimische Menschen in Istanbul war kein "Kollateralschaden" der Täter sondern ein kalkuliertes Ziel.
In Deutschland, in Europa und in der ganzen Welt fanden an diesen Tagen und finden seit einiger Zeit Massendemonstra-tionen statt. Nicht wegen der Anschläge. Versteht sich. Trotz der Anschläge. Es waren ja bloß die üblichen Anschläge gegen Juden und ihre Freunde. Nicht mal Gewöhnungsbedürftig und auch als Wunsch längst nicht mehr nach Ausdruck suchend. Die Meute ist aufgebracht, marschiert auf den Strassen Deutschlands, Europas wg. Studiengebühren, wg. Globalisierung, wg. Sparmassnahmen, wg. dem Castor. Es ist eine bewusste und ausdrückliche Entscheidung.
Die Terminwahl, beispielsweise, für eine „Kommunismuskonferenz“, bei der großen Wert auf ihren „internationalen“ Charakter gelegt wurde, auf den 9. November mag als Zufall erscheinen. Es ist es nicht. Es sollte nicht vergessen werden, was der hervorgekehrte „Internationalismus“ stets in der Lage war zu tun, und wozu er auch in Zukunft bereit sein wird, wenn die Faktizität des mörderischen Antisemitismus sich nicht behaglich mit der „sozialen Frage“ verbinden lassen sollte.

Die Anschläge haben höchstens motivierende Wirkung, sie vermitteln das Gefühl, in der großen Bewegung von Antiglobalisierung und Judenmord, von kommunistischem Eifer und antisemitischen Ekstasen, von Studenten- und Mauerbauproteste dabei zu sein, „mitzuwirken“. In der großen Familie der neue Protestbewegung angekommen und aufgenommen zu sein. Arbeitsteilig.

Am 21.11.2003, um 18.00 (Heinrichplatz, Kreuzberg) demonstrieren wir unsere Wut und Abscheu gegen die neuen antisemitischen Mordanschläge in Istanbul und gedenken an die Menschen die ihre Leben verlieren mussten weil sie Juden waren, weil sie mit Juden zusammengelebt haben, weil sie in ihrer Nähe sich befanden, weil sie kein Problem damit hatten.
Wir demonstrieren gleichzeitig gegen das antisemitische Mordkollektiv, das sich lange schon an die Arbeit gemacht hat, heute in Gestalt von klerikal-faschistischen Gruppen und ihren europäischen Klakeure , morgen als irgendein anderer Verein mit irgendeinem Schwerpunkt.

Unsere Aufgabe ist und bleibt es, dort wo wir leben und wirken, dafür zu sorgen, dass Jüdinnen und Juden nicht nur keiner Bedrohung ausgesetzt werden, sondern auch sich am sichersten fühlen können. Wir stellen uns entschieden gegen die Allianz von Deutschen und Nichtdeutsche Antisemiten, gegen den Wahn von Mordkollektiven in all seine Bewegungs- und Protestformen.
Es lebe das christliche Europa, das freudenstrahlend dabeisteht, wenn Islamisten Juden in Europa in die Luft jagen, denn dann kann man endlich diese lästigen Kopftuchträger aus dem Land jagen und die Juden am besten nach Israel. Dann wird Europa endlich frei sein, wie man sich das ja schon so oft und früher erträumt hat. Die Juden sind euer Unglück, und die Muslime gleich dazu.“ (Aus „Kein Strassenfest mehr“ von Natan Sznaider, Professor für Soziologie am Academic College in Tel Aviv.)

morgenland inc. · 21.11.2003


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