Den Deutschen und ihren Linken

In den letzten Monaten hat sich der Streit um Antisemitismus in der deutschen Linken ausgeweitet. So sehr, dass sich uns die Frage aufdrängt, ob ein Bezug auf diese Linke überhaupt Sinn macht. Um die Antwort vorweg zu nehmen: unserer Meinung nach ja, allerdings negativ. Negativ bedeutet hier, diese Linke zu kritisieren. Nicht mit dem Ziel, die deutsche Linke und ihre Organisationen zu reformieren. Für reformierbar halten wir diese Linke nicht. Ein „solidarisches“ Verständnis für diese Linke haben wir auch nicht.

Wie kommen wir zu diesem Bild der deutschen Linken?

Die deutschen „Intellektuellen“ (auch die „linken“) haben den unwiderstehlichen Drang, die deutschen Verbrechen zu relativieren.
Aus dem richtigen Anliegen, Deutschland zu kritisieren, wird die allgemeine Kategorie der „Kritik an der Nation“ gezimmert. Aus der richtigen Kritik am Antisemitismus wird die Halluzinierung der Nazi-Volksgemeinschaft in allen arabischen/ islamischen Staaten . Auch die deutsche Regierung behauptete, Auschwitz verhindern zu wollen, indem Jugoslawien bombardiert wurde. Ob links, ob rechts, alle haben sie ein paar Argumente hinzuzufügen.

Alles was die deutschen Linken tun, ist, noch bevor die Diskussion beginnt, bereits vom völkischen Denken vorgeformt.

Die Bündnispolitik der deutschen Antifa geht sicherlich zurück auf Dimitrov (1935)*. Darüber wird allerdings nie geredet. Tatsächlich erscheint den meisten deutschen Antifas, die Idee, NICHT das breitestmögliche Bündnis mit Deutschen zu suchen, als undenkbar. Es wird als naturgegeben akzeptiert, dass die einzige Lebensweise die in der Volksgemeinschaft ist.

Aus der gleichen historischen Quelle wie der Antifaschismus, speist sich auch der Antiimperialismus: nach den Strategien Lenins/ Stalins für eine Weltrevolution, bzw. eben auch nicht, sondern für die Verteidigung der Sovietunion. Doch auch hier ist das nur der historische Ballast, der schon längst zu nichts anderem mehr benutzt wird, als zur Glorifizierung der deutschen Volksgemeinschaft. Mahnende Worte an „unsere Bundesregierung“, um diese als Bündnispartnerin für den Kampf gegen die USA und Israel zu gewinnen.

In jüngster Zeit glänzen die Antideutschen damit, in islamischen Gesellschaften Vergleichbares zur deutschen Volksgemeinschaft wiederentdeckt zu haben. Sie fordern, diese Staaten zu bombardieren. Endlich ist für die Antideutschen klar, die Verbrechen der Deutschen seien vernachlässigenswert im Vergleich zu den Untaten der islamischen Gesellschaften.

All diesen Strömungen in der deutschen Linken sind einige Dinge gemeinsam.
Nie wird Deutschland oder die deutsche Volksgemeinschaft zum Thema der Kritik gemacht.
Immer wird Humanität oder Vernunft bei der deutschen Bevölkerung angenommen.

Wir möchten uns nun etwas mit dem Streit um Israel in der deutschen Linken beschäftigen. Die AkteurInnen dieses Streits bezeichnen sich als AntiimperialistInnen auf der einen und Antideutsche auf der anderen Seite.

Statt den Streit auf die übliche Weise nachzuerzählen, möchten wir eine andere Sichtweise benutzen:
Die eine Seite (AntiimperialistInnen) entdeckt ihre Liebe zur deutschen Regierung und ruft zum Kampf gegen Israel auf, die andere Seite (Antideutsche) macht konstruktive Vorschläge, welche asiatischen und/oder afrikanischen Staaten bombardiert werden sollten. Der Streit ist überhaupt keiner, lediglich die Arbeitsschwerpunkte der AkteurInnen sind unterschiedlich gesetzt.

Wir glauben nicht daran, dass es diesen Leuten um Solidarität mit Unterdrückten, Ausgebeuteten oder Angegriffenen geht. Stattdessen suchen beide Seiten nach Zielen, die vernichtet werden sollen. Die einen finden Israel und die USA vernichtenswert, die anderen Afghanistan, Irak, Iran,...

Dieser Vernichtungsdrang ist logische Konsequenz aus der Nicht-Kritik an der deutschen Volksgemeinschaft. Die deutsche Volksgemeinschaft ist durch die Vernichtung von Menschen erschaffen worden. Vernichtung ist der Inhalt der Volksgemeinschaft.
Eine Linke in Deutschland, die das nicht thematisiert, die diese Volksgemeinschaft nicht angreift, kann gar nicht anders (wenn selber Deutsche) als Teil dieser Volksgemeinschaft zu sein und nach Möglichkeiten zu suchen, das auch in die Tat umzusetzen.

Das bedeutet, der Streit dreht sich eigentlich gar nicht um Israel. Israel und die PalästinenserInnen sind nur die Projektionsfläche für die am Streit beteiligten AkteurInnen. Aus diesem Streit kann nichts über Israel, aber sehr viel über die deutschen Linken erfahren werden.

Die verschiedenen Fraktionen der deutschen Linken sind, nach allem was wir wissen, für Argumente nicht zugänglich. Die unausgesprochene Volksvergemeinschaftung, das Halluzinieren und Projizieren, der Drang nach Relativierung der deutschen Verbrechen, die Vernichtungsphantasien sind gegen jedes Argument resistent. Kritik kann sich nicht an diese Leute richten, das würde die Kritik ad absurdum führen.

Die Kritik kann und muss daher als eine Aufforderung (an einen unbestimmten Adressaten, auf jeden Fall auch an uns selbst) gesehen werden, den Deutschen und ihren Linken den Spaß zu verderben; sie daran zu hindern, das, was in ihren Köpfen vor sich geht auch gefahrlos in die Tat umsetzen zu können.

grenzfall


HOME Erklärungen

 

 

___

*) Dimitrov hat 1935 eine Rede auf dem Weltkongress der Kommintern gehalten, in der er den Faschismus (er meinte auch den Nationalsozialismus) als Herrschaft der reaktionärsten Kreise des Finanzkapitals kennzeichnete und dazu aufrief im Bündnis mit allen bürgerlichen Kräften die Demokratie zu verteidigen.


 

 


 


 

 


 


 


 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


Sponsored LinksYour Ad Here