Immer auf der richtigen Seite. Bahamas sieht “mit den Augen des Westens” und findet finstere Orientale
“Märchenhaft ist der Orient, weil er selbst über sich nicht reflektieren kann und außer in kaum verständlicher Amtssprache abgefasster Dekrete fast nichts in Schriftform hinterlassen hat.” (Wertmüller in: Bahamas 54: 24)
Es ist eine schlichte Wahrheit, dass man sich dem theoretischen Schwachsinn verschreibt, wenn man den Himmelsrichtungen oder überhaupt irgendeiner Weltgegend Augen und die dazu gehörigen Seele wachsen lässt. Es ist allerdings ein unglaublich effizienter Schwachsinn, insofern er es einem erspart, sich mit den Menschen, die in den fraglichen Landstrichen wohnen, sowie mit ihren Gedanken und Taten auseinanderzusetzen, da sie alle auf ein fiktives Gesamtsubjekt reduziert worden sind. Und er wird umso nützlicher, wenn man gleich aufs Ganze geht, die Welt in zwei Hälften aufteilt und jedem der resultierenden Subjekte (dem Westen & dem Orient in Gestalt des Orientalen) seine Rolle – Held und Schurke – im Drama der menschheitlichen Emanzipation zuerkennt. So lässt sich leicht die Sehnsucht des anständigen Deutschen befriedigen, unangreifbar zu sein und garantiert auf der richtigen Seite zu stehen.
Für den kritisch gebildeten Verstand ist es eine Fingerübung, den Blödsinn des Multikulturalismus zu erkennen und – theoretisch – zu destruieren, ganz gleich welche legitimatorischen Schutzschilde er vor sich herträgt. Dass man die Kritik am Orientalismus autoritär wenden kann, haben uns asiatische Staatsoberhäupter, deren Beruf etwas ganz anderes ist als kritisches Denken, mit Leichtigkeit vorgemacht. Natürlich haben sie in Deutschland authentizitäts-, autoritäts- und ethnizitätssüchtige Intellektuelle gefunden, die Kritik mit irgendeiner Form des Dagegenseins gegen das Establishment verwechseln und sich freuen, wenn sie ihren völkisch-aufmüpfigen Instinkten folgen und trotzdem für gute Menschen gelten zu können glauben. Woraus für Bahamas, deren Mission wohl hauptsächlich darin besteht, gegenüber deutschlinken Rechthabern noch mehr Recht zu haben, anscheinend folgt, dass Orientalismus richtig sein muss, wenn doch aus seiner Ablehnung sich Falsches ableiten lässt. So geht es, wenn man nur binär denken kann.
Es trifft sich dabei gut, dass dann der Gegner der als kultur- und geschichtslose imaginierte Mensch des Ostens ist, den zu bekämpfen der gute Deutsche schon früher als seine nationale weltgeschichtliche Mission erkannte.
Natürlich bewegen wir uns hier konzeptionell in der Welt der Illusion; aber einer, die sich mühelos empirisch stützen lässt, wenn man es nur vermeidet, die Sprachen jener Menschen zu lernen, die man da auf den Orientalen reduziert; denn das Verhalten eines Menschen, der sich nicht erklären kann, weil man ihn gar nicht der Befragung für wert hält, muss so sprunghaft und unberechenbar erscheinen, wie es dem fiktiven Orientalen zur Wesenspflicht gemacht wird. Der so, in erprobter deutscher Rücksichtslosigkeit, auf den Begriff gebrachte Orientale wird dann ganz wesensmäßig der Gegner, den der gute Deutsche, im Verein mit dem Westen, bekämpfen und dann wohl auch beherrschen muss, wenn nicht gar Schlimmeres. Die Anti-Antisemiten von Bahamas haben wieder jemand gefunden, der der Feind ist, ganz gleich was er tut oder lässt. Man kann sich mühelos vorstellen, was das für praktische Folgen zeitigt, sollte Bahamas jemals politisch relevant werden.
Kritische Beobachter des japanischen Identitätsdiskurses, der von Orientalismen nur so strotzt, haben darauf hingewiesen, dass die charakterlich-kulturellen Eigenschaftszuschreibungen, die dort an “Japan” und “dem Westen” vorgenommen werden, sich ähnlich verteilen, wie jene, die in der Populärliteratur zwischen “weiblich” und “männlich” auftreten. Das verweist auf eine gemeinsame Wurzel dieser beiden Arten von Charakterfiktion, nämlich die Machtdifferenz. Wer innerhalb eines soziokulturellen Systems eine legitime und geschützte Machtposition einnimmt, wird geneigt sein, sich selbst als Vertreter von dessen Rationalität zu beschreiben. Er ist der wesentliche Repräsentant des Geistes, der zeitlichen und räumlichen Ordnung, der Logik, des funktionalen Denkens. Wer in die Position des Schwächeren gedrängt wird, für dessen Wesen bleibt nur die Seele, das Innerliche, Unaussprechliche, das Jenseits der Ordnung von Raum und Zeit, die von akzidentiellen Veränderungen unberührte Substanz. Aufgabe des kritischen Denkens wäre es eigentlich, den illusionären Charakter dieser Zuschreibungen zu erhellen, um den Blick auf die Wirklichkeit freizugeben – denn nur mit Blick auf das, was ist, kann man sinnvoll die Frage stellen, was sich verändern soll. Bahamas verzichtet darauf und dreht stattdessen lieber die nächste Schraube der deutschen Ideologie, die noch das Richtige in den Dienst des Falschen stellt. Man wird sie bekämpfen müssen, wenn sie sich zum Mob zusammenfindet, sollte sie einstweilen aber in ihrem Besserwessikämmerlein alleine lassen.
someone@grenzfall, Februar 2008
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