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Nadelstiche mit stumpfer Nadelspitze?
(Diskussionsbeitrag am 8.11.97 in Berlin)
"Wurden die KZ-Aufseherinen nach besonderen
Kriterien ausgewählt?
Nein, sie wurden ganz normal angeworben, auch per Zeitungsanzeigen"
(aus einer Dokumentation über den Majdanek-Prozeß)
Dieser Beitrag spiegelt zum Teil die unter den MigrantInnen-Zusammenhängen
begonnene Diskussion wieder und zum Teil versucht er, sie weiter zu führen.
Wir sind mitten drin in einer Situation, in der eine offen pogromphile Bevölkerung
ohne jeglichen Schranken, ohne jegliche Rücksicht auf irgend etwas
und irgend jemanden im In- und Ausland, mit unverhüllter Unterstützung
der Politik (Regierung und Opposition) sowie mit allerlei Rechtfertigungen
des linken Etablissement (auch in seiner radikalsten Ausformung) gleichermaßen
uns und allen, die als Nicht-deutsch gelten, im wahrsten Sinne des Wortes
an den Kragen (d.h. an Leib und Leben) geht. Auch die Ereignisse in und
um Gollwitz sprechen eine klare, eindeutige Sprache. Zum einen findet die
offene nationale Solidarität mit dem Mob statt und zum anderen wird
der Zustand, in dem wir uns befinden, faßbar und erfahrbar: wenn die
GollwitzerInnen in Ruhe gelassen worden wären, würde weder der
Bedarf nach nationaler Solidarität, noch nach der Hetze gegen all diejenigen,
die dagegen intervenierten, entstehen. Außer einiger Medienberichte
und der Intervention einiger jüdischen Persönlichkeiten (und das
allein spricht für sich) ist sonst nichts gelaufen bzw. eine gähnende,
tödliche Leere machte sich breit. Wie in Babenhausen und anderswo.
Und das, meinen wir, ist das Erschreckende daran. Das Erschreckende daran
ist nicht, daß die GollwitzerInnen sich so verhalten (was sollen sonst
Deutsche tun, wenn Jüdinnen in ihre Nähe kommen?), es ist nicht,
daß die Politik ihnen volle Deckung gibt (aus welchen Gründen
sollte sie es nicht tun? Wir kennen keinen mehr), sondern, daß es
außer ein paar marginalisierten Zusammenhängen nichts, absolut
nichts mehr gibt, worauf Man/Frau sich beziehen könnte. Diese Tatsache
wird in Betracht gezogen, nicht um uns auf die Schultern zu klopfen, sondern
im Gegenteil: um die Frage zu stellen, ob das was wir tun oder lassen, noch
der aktuellen Situation entspricht, ob dies adäquat zu den zugespitzten
Verhältnissen ist oder ob eine Grenzsituation erreicht worden ist,
wo wir unser Tun und Handeln neu überdenken müssen bzw. so uns
verhalten müssen, daß die Kosten für das Ausleben der antisemitischen,
rassistischen und völkischen Exzesse höher getrieben werden müssen.
Damit der Ansatz nach Subjektivität, Unkalkulierbarkeit, destruktivem
Verhalten, Zuspitzung und Genauigkeit unsere Interventionen sowie Rücksichtslosigkeit
unserer Kritik nicht Gefahr läuft, zu einer stumpfen Nadel zu werden.
Denn dann sind Nadelstiche kaum mehr möglich.
Wir laufen Gefahr, wenn wir es bei unseren "gewohnten" Interventionen belassen,
Teil der inzwischen ritualisierten Verhältnisse zu werden: erst die
Hetze, dann der Angriff bzw. der völkische Aufstand, danach wir mit
unserem Protest und anschließend die übliche Anmache des linksDeutschen
Gesocks. Bis zum nächsten Verbrechen, an einem anderen Ort, zu einem
anderen Datum. Uns scheint es inzwischen so, als ob wir Bestandteil des
Kalküls geworden sind, ja, Mob und Polizei erwarten uns gerade. Noch
schlimmer: wir werden gar - je nach dem, wenn es opportun genug erscheint
- auf übelster Weise gelobt: als das bessere, das andere Deutschland,
als das gute Gewissen der Nation. So geschah es in Ochtendung, so geschah
es in Magdeburg, so geschah es in Stade.
Wir können es uns angesichts solcher Ereignisse nicht erlauben, aus
unserer Machtlosigkeit heraus Ersatzhandlungen durchzuführen, anstatt
entweder es sein zu lassen oder so zu intervenieren, daß dies dem
entspricht, was geschehen ist oder geschehen wird.
Dies trifft auch auf die Inhalte und insbesondere auf den Antisemitismus
und Rassismus zu. Die Hervorhebung des Antisemitismus und Rassismus wird
vorgenommen, nicht in erster Linie, weil wir uns als die Betroffenen aufspielen
wollen, sondern aus der Erkenntnis heraus, daß der Antisemitismus
in Deutschland die treibende, kreative, produktive und revolutionäre
Kraft für den sozialen, politischen, ökonomischen und gesellschaftlichen
Zusammenhalt dieser Population mit all seinen tödlichen Folgen ist.
Die GollwitzerInnen haben in ihrer Ehrlichkeit und Offenheit dieses Thema
auf den Punkt gebracht. Es ist, wie bereits geschrieben wurde, ihr Verdienst:
wir meinen ihre Weigerung, ihren Antisemitismus und Rassismus mit der sog.
"sozialen Frage" zu verbinden, zu entschuldigen, zu rechtfertigen.
Obwohl das nationalrevolutionär gewordene Blättchen, die JW, es
versucht hat, ihnen diese Argumente in den Mund zu legen. Anerkennenderweise
haben sie das Angebot nicht angenommen. Sie blieben bei ihrem Antisemitismus-pur.
Sie machten sich dabei nicht einmal die Mühe, den Schaum vor ihrem
Mund abzuwischen.
Sie und nicht wir haben klargestellt, daß jegliche linke Erklärung,
daß der Antisemitismus Ausdruck von was anderem sei (mit Vorliebe
Ausdruck von "sozialen Problemen"), nur in den Köpfen dieser Linken
existiert, daß all die Versuche der Deutsche Linken, herauszufinden,
was hinter dem Antisemitismus steckt, lächerlich erscheinen müßten.
Bekanntlich gehören solche Erklärungen zum unbestrittenen Repertoire
der Linken bis hin zu den antinationalen/antiDeutsche Zusammenhängen.
Drei Aussagen aus eben diesen Zusammenhängen:
Die erste stellt diese These, kraft ihres Amtes, außer Diskussion.
Sie wird zum Dogma:
"Daß der Antisemitismus in der bürgerlichen Gesellschaft die
Funktion hat, eine Gemeinschaft über die Antagonismen der kapitalistischen
Gesellschaft hinweg herzustellen, ist unstrittig" (Goldhagen und die Deutsche
Linke, Seite 72).
Die zweite hat nur noch Probleme mit der Begrifflichkeit bzw. Sinnlichkeit:
"Richtig finde ich, die Vorstellung des Antisemitismus als eines deformierten
Antikapitalismus zu problematisieren. Ich bin mit dem Begriff auch nicht
ganz zufrieden. Er soll einfach darauf hinweisen, daß das spontane
antikapitalistische Ressentiment, daß bei den Unterdrückten entsteht,
eine kurze Verbindung zum Antisemitismus hat, weil im modernen Kapitalismus
die Ausbeutung nicht sinnlich erfahrbar ist." (J.E. "ehrbarer Antisemitismus",
Konkret-Kongreß, Seite 405).
Die dritte liefert gleich auch die Begrifflichkeit, die vorhin gefehlt hat
mit: "affirmative Rebellion" und "genuine Verschiebungsleistung" heißen
die Abstraktionen:
"Tatsächlich werden im modernen Antisemitismus die Juden mit dem als
abstrakt begriffenen kapitalistischen Verwertungsprozeß und schließlich
mit "dem Kapital" identifiziert. Moderner Antisemitismus ist also eine Konsequenz
warenförmigen Denkens und damit die affirmative Rebellion gegen den
Kapitalismus, die genuine Verschiebungsleistung des kapitalen Subjekts."
(Bahamas Nr. 20, 1996)
Um es kurz zu machen: Wir meinen, daß hinter dem Antisemitismus nichts
anders als der Antisemitismus selbst und sonst niemand steht, daß
der Antisemitismus Ausdruck von Antisemitismus ist und sonst von gar nichts.
Die AntisemitInnen sind gegen jüdische Kapitalisten, weil sie gegen
Juden sind und nicht weil sie gegen Kapitalisten sind. Sie sind gegen jüdische
Schriftsteller, weil sie gegen Juden sind und nicht weil sie gegen Intellektuelle
sind. Sie sind gegen Israel, weil sie gegen Juden sind und nicht weil sie
für die PalästinenserInnen sind. Sie sind gegen jüdische
Hausbesitzer, weil sie gegen Juden sind und nicht weil sie gegen Hausbesitzer
sind usw.
Der Antisemitismus ist ein eigenständiges Gewaltverhältnis, der
sowohl historisch vor dem Kapitalismus entstanden ist, als auch die Fähigkeit
besitzt, ihn zu überdauern. Wenn wir es zulassen.
Wenn es also so ist, dann ist selbst die kursierende Auffassung, daß
der Antisemitismus in Deutschland benutzt wird, um soziale Probleme anzuprangern,
völlig falsch. Richtig ist seine Umkehrung: Die soziale Frage wird
in Deutschland von den Deutschen benutzt, um ihre antisemitischen Triebkräfte,
ihre antisemitische Kreativität und Motivation entfalten zu können.
Der Zweck und das Ziel ist der Antisemitismus und eins der Mittel, um dieses
Ziel zu erreichen ist die sog. "soziale Frage". D.h., die Argumentation
mit der soziale Frage dient dazu den Antisemitismus durchzusetzen.
Uns ist klar, welche Ungeheuerlichkeit diese Aussage besitzt, wie verheerend
die Konsequenzen sind, die daraus gezogen werden müssen. Unsere ersten
Erkenntnisse deuten darauf hin, daß es die Linke war und nicht
der antisemitische Mob, die nicht nur heute in Gollwitz, sondern auch
historisch, diese unsägliche Verbindung (selbst dann, wenn sie sie
kritisiert hat) zwischen Antisemitismus und sozialen Problemen hergestellt
hat. Das ist die Brisanz dessen worüber wir reden.
Eine weitere Besonderheit in der aktuellen Situation liegt darin, daß
bis in die antinationalen/antiDeutschen Zusammenhängen hinein, der
Wunsch nach einer neuen Bewegung immer noch Bestand hat und sobald ein Hoffnungsschimmer
am Horizont erscheint, auf der Tagesordnung steht. Am besten sogar, wenn
es eine Deutsche Bewegung ist.
So liebäugeln manche immer wieder mit irgendwelchen Bewegungslehren,
so werden Inhalte und Brüche gegenüber der Deutschen Linken, die
bis gestern noch als "abgeschlossen" galten, wieder über den Diskussions-kitt
organisch gebunden. So bekommen Interventionen in den Orten des Grauens
nur dann eine Bedeutung, wenn sie von Deutschen sind und werden bewußt
verschwiegen, wenn sie von MigrantInnen-Zusammenhängen durchgeführt
werden. Exemplarisch dafür stehen die Kommentare von J. Elsässer.
: zwei Tage nach unserer ersten Demo in Grevesmühlen, schrieb er am
22.1.96 u.a.": So oder ähnlich reden die Leute in Grevesmühlen
und anderswo und keiner findet sich, der ihnen das Maul stopft". All das,
obwohl er wußte, da ihm alle Infos zugänglich gemacht wurden,
daß dort bereits eine Demo von MigrantInnen-Gruppen, unterstützt
von einigen wenigen Deutschen FreundInnen stattgefunden hat. Wie gesagt,
die Devise heißt, einfach ignorieren. Als allerdings im Sept. 1996
bei der zweiten Grevesmühlener Demo, verhältnismäßig
mehr Deutsche Gruppen teilnahmen, wurde auf einmal die Forderung nach einer
Bewegung mit einer Multi-Kulti-Prise in einem zweiten Kommentar am 3.9.96
gestellt: "Statt dessen käme es auf den Aufbau einer buntscheckigen
Sperrminorität an, die den Stammtisch-Faschismus (nicht nur Staat und
Kapital) exemplarisch attackiert". Wie viel Prozent deutsch muß eine
solche Bewegung sein, um anerkannt zu werden?
Unsere Meinung zu solchen Bewegungsphantasien haben wir damals schon in
dem Beitrag "Den Tätern am Nerv getroffen" dargelegt: "Wenn sich antinationale/antiDeutsche
Gruppen zu einer Bewegung zusammenschließen wollen, so ist das ihr
Problem. Wir sehen in dieser Art von "Bewegungen" immer noch den Wunsch,
diese Gesellschaft durch eine konstruktive Kritik - auch in ihrer radikalsten
Ausformung - zu verbessern. Dies steht in Widerspruch zu unserem bewußt
destruktivem Ansatz (kein besseres usw., sondern gar keine Deutschland).
Hinzu kommt, daß Bewegungen den Hang zum glätten von Widersprüchen
haben, den Wunsch nach kollektivem Verhalten entsprechen, ein Identitätsersatz
anbieten. Alles in allem, angesichts elementarer offener Punkte, kein guter
Ansatz: "Man muß nicht jede Mülltonne beschnüffeln. Davon
wird man nicht klüger. Davon wird einem schlecht!" (W.P.)
Aber nicht nur in antinationalen Zusammenhängen. In Stadtteilen von
Großstädten, wo sehr viele MigrantInnen leben und Man/Frau sie
bisher als pogromfreies Terrain ansah, läuft die ganze Scheiße
auf Hochtouren.
Das Zauberwort heißt "Säuberung des Viertels von den Dealer",
"Sicherheit für die Bürger und Schutz gegen Kriminelle" usw. Innenstädtische
Eingreiftruppen werden aufgestellt. Ein wesentlicher Teil der AnwohnerInnen
dieser Stadtteile wird kriminalisiert, diese Stadtteile werden zu Hochburgen
fürs faschistoide Wahlvolk aufgebaut und die Betroffenen machen nicht
nur kein Aufstand, sondern mit! Gegen Dealer und Kriminelle, wie es heißt.
Das Schanzenviertel in Hamburg ist nur ein Beispiel dafür. In einer
solchen Situation ist der Gedanke auch an eine MigrantInnen-Bewegung abwegig.
Für uns bedeutet die dargestellte Problematik sowohl in ihrer praktischen
als auch in ihrer inhaltlichen Ausrichtung, daß nichts mehr so sein
wird wie bisher. Wir werden innerhalb der MigrantInnen-Zusammenhänge
genauer werden müssen, wir werden erst mal für uns Klarheit schaffen
müssen. Daher kann auch dieser Beitrag kein Abschluß finden.
8.11.97, Cafè Morgenland,
Frankfurt/M.
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